Der Wellenformlieferungsdienst hat geklingelt


Eine Ode an meinen lieben Kollegen Merlijn van Veen

…und ein reflektierender Dialog über den tontechnischen Er­kennt­nis­ge­winn

EINLEITUNG

Im letzten halben Jahr hatte ich die Gelegenheit mal wieder selbst ein Seminar zu besuchen. 2x 4 Tage „Calibration & Design Techniques for Modern Sound Systems“ die es in sich haben. Wer erwägt das Seminar NICHT zu besuchen sollte sich meine Ausführungen selbstkritisch zu Gemüte führen. Wenn ich das zweiteilige Seminar in einem Wort zusammenfassen müsste so würde ich sagen „beeindruckend“. Gäbe man mir einen Satz so lautet er: Mit schier unerschöpflicher Energie begeistert der Querdenker Merlijn van Veen seine Gäste und lädt ein bisher nicht verknüpfte Zusammenhänge aus Grundlagenwissen und praktischen Rätseln zu entschlüsseln, er setzt dabei konsequent auf die Methode Vorhersagen zu treffen, diese zu verifizieren, Abweichungen zu verstehen sowie durch Inspiration und Neugierde seinen Werkzeugkasten ständig mit neuen Optionen zu bestücken die man bitte auch gegeneinander abzuwägen vermag. 

Im Folgenden erlaube ich mir eine höchst subjektive Zusammenfassung zu geben die dem potentiellen Interessent Aufschluss über das zu erwartende geben möge und gleichzeitig meinen Dank an Merlijn für die inspirierenden Tage zum Ausdruck bringt.

 

Merlijn van Veen ist ein begnadeter Organist, er spielt auf den Synapsen meines Verstandes eine Mischung aus bodenständigen Delta Blues und experimenteller 13 Ton Musik. Seine Ausführungen sind solide, geordnet und eigenständig aufgearbeitet wie bei Mississippi Fred McDowell wenn er bei Shake ‚Em On Down wechselt zwischen einer Dampflock die fest in den Gleisen fährt um dann alle 12 Takte auszubrechen und in der Luft zu tanzen wie der Holz Zug eines spielenden Kindes. Ein anderes Extrem seiner Ausführungen ist die permanente Benutzung aller 12 Töne die der gemeine Tontechniker zwar alle kennt, sich seiner aber zumeist nur zur Hälfte bedient. Eine besondere Spezialität von Merlijn ist die Zuhilfenahme eines weiteren 13. Tons der dem erfahrenen Teilnehmer zunächst völlig fremd ist und dann in einer Mischung aus Faszination und Verblüffung die Augen bzw. Ohren für neue Optionen öffnet. …Er macht seinem Vornamen definitiv alle Ehre!

Merlijns leidenschaftliche Forschungen und Recherchen in allen Belangen der Beschallungstechnik sind erstaunlich, wann immer sich eine unverständliche Situation ergibt, die jedoch sicher erklärt werden kann, ein paar schlaflose Nächte später ist der Zusammenhang klar.  Hierbei verlässt er sich ebenso auf sein Gespür wie auf die geschätzte Meinung vieler Kollegen in aller Welt. Die Leidenschaft für schlaflose Nächte und endlose Diskussionen über Details teilen wir.

Wer glaubt, „das alles schon zu Wissen“ ist hier ebenso falsch wie in einem technischen Beruf selber. Wer sich auf die intensiven Tage mit Merlijn einlässt erfährt Inspiration und ansteckende Begeisterung durch einen der leidenschaftlichsten Trainer denen ich je begegnet bin. Part 1 und 2 sind gleichermaßen von hervorragenden didaktischen Aufbau in der Theorie, sowie vollgepackt mit praktischen Präsentationen die eine unmittelbare Überprüfung zulassen für die man im hektischen Arbeitsalltag selten die Zeit findet.

Allem Bestreben nach vermittelt Merlijn van Veen stets nachvollziehbares Grundlagenwissen welches, da legt er Wert drauf, alles seit ewigen Zeiten bekannt ist und keine Raketentechnik ist sondern simple Naturgesetze sind. Dem zu folgen setzt eine Begeisterung für das Thema voraus und verlangt einen hohen Grad eigenständigen Denkens ab. Wer auf der Suche nach einfachen Rezepten ist die er nach kochen kann wird hier eher nicht fündig. An dessen Stelle lädt Merlijn ein selber zu probieren und so seinen Werkzeugkoffer an möglichen Optionen zu erweitern. Wann immer möglich werden diese sofort praktisch erlebbar dargelegt. Die Methodik basiert auf folgenden Bausteinen. Treffe Vorhersagen aufgrund physikalisch, technischer Möglichkeiten. Plane, prüfe, verifiziere und verstehe Abweichungen. …und wenn nicht, denk halt so lange nach bis Du es verstanden hast!

Dieses Seminar gehört zu dem Besten, was man sich als Tonmensch gönnen kann!

Ich empfehle dringend allen Kollegen, die mit dem Gedanken spielen sich sofort bei Part-2 anzumelden weil sie schon genug Erfahrung haben, genau das nicht zu tun und vorher Part1 zu besuchen. Es gibt für jeden genug Aha Momente auch wenn sich die Agenda vertraut anfühlt. Man bedenke immer, man hat es hier nicht mit einem Lehrbeauftragten zu tun der eine Agenda durch rattert, sondern mit einem absolut Wahnsinnigen!

Im Folgenden möchte ich meiner von Herzen kommenden Lobhudelei noch ein paar Kernbotschaften des zweiteiligen Trainings anfügen die bei mir in besonderen Maße hängengeblieben sind und wohl bei jedem Teilnehmer etwas anders aussehen und hier keineswegs vollständig gelistet sind. 

Damit das ganze nicht zu trocken wirkt erzähle ich es Dir als „mehrteilige“ Geschichte die von zwei Protagonisten im Dialog geführt wird.

PROLOG

Jupp

Jupp ist 25 Jahre alt, hat seine Ausbildung zum Tontechniker an einer Privatschule abgebrochen und leidet, bzw. seine Umwelt leidet, seit seiner Kindheit an einem selbst antrainierten Sprachfehler, den er bei seiner Großmutter abgeschaut hat: Er beendet jeden Satz mit der Fragesilbe Ne. Ansonsten ist er ein prima Kerl. Seit er mitten in der 9. Klasse aus der Schule geflogen ist, hat er sich eine Menge über Tontechnik beigebracht. Seine Kollegen hassen oder lieben ihn. Im Wesentlichen hängt das aber mit seiner blöden Angewohnheit zusammen …ne? Er rockt nämlich so einiges weg, im Gegensatz zu Kalle, der sich gerne mal in Gedanken verliert und über Dinge nachdenkt, die sich Jupp nicht wirklich erschließen.

Kalle ist Mitte 50, hat so einiges hinter sich, geht aber so gut wie nie damit hausieren. Seine Komfortzone ist die Erfahrung. Hinzu kommt, dass er einfach alles und jeden kennt. Beide verbindet die Liebe zu ihrem Beruf. Jupp ist glücklich, wenn er Abends ins Dach schaut und sein Tagewerk begutachtet, Kalle hingegen ist nie zufrieden. Er findet immer noch irgendwas, das er ändern muss, und wenn er mal nichts findet, dann muss er etwas ausprobieren. Alle Kollegen sind sich einig, dass die beiden eigentlich nur zusammen funktionieren. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufälliger Natur und unbeabsichtigt.

Kalle

1. Akt

– Line Arrays –

Sonntagmorgen 05:30

Jupp bimmelt Kalles Handy an. „Der Penner hat schon wieder verschlafen!“ Jupp steht mit dem LKW voller Material auf dem Marktplatz. Tagesziel: Beschallung für ein Public Viewing, und vorher spielt Kalles Top 40 Band „Sax Bomb“. Gut Kalle spielt hier im Grunde keine Rolle und schon gar kein Instrument. Trotzdem lässt er keine Gelegenheit aus von „seiner Band“ zu sprechen. Er mischt die Jungs seit dem ersten Tag und alle mögen seinen „Sound“. Wobei „Sound“ für Kalle alles bedeutet. Für die Band steht „Sound“ lediglich als Synonym für „ohne geht es halt irgendwie doch nicht“. Sax Bomb, dessen Name sich Außenstehenden nie wirklich erschließt, spielt in der Besetzung: Dreimal Saxophon, Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dazu wechselt der Gesang, je nachdem wer von den „Auserkorenen“ gerade Zeit hat. Tragendes Element sind die drei Saxophone wobei alle ein Altsaxophon bevorzugen. Kalle bleibt überlassen, das irgendwie grade zu biegen.

06:30 PA aufhängen

„Hast Du schon wieder 0° benutzt?“, fragt Kalle als er den Ausdruck aus der Prediction Software rumliegen sieht.

„Ja klar wir haben 12 Module und knappe 35m. Da können wir heute richtig geile „Directivity“ bauen, …ne?“, antwortet Jupp.

Kalle errötet, aber nicht vor Scham: „Ich hab Dir doch schon 100mal gesagt, dass du so das Pattern vorne zerstörst, geh bitte auf 1° da muss ein bisschen Curving rein! Und denk an den Overshoot, sonst franselt es hinten wieder aus. Und ich will auch noch was hören. Lass uns noch kurz über die Ansteuerung nachdenken“.

Jupp, Wie aus der Pistole geschossen: „Was willst Du da groß nachdenken? Immer drei Module zusammen und fertig….ne?“

Kalle schüttelt den Kopf: „Du denkst von der falschen Seite aus, mein Freund. Es geht hier nicht um die Belegung der Amps, es geht um die Verteilung des Schalldrucks.“

Jupp rollt mit den Augen: „Ok, wir haben eine Zylinderwelle mit 3dB Pegel Verlust pro Entfernungsverdopplung, richtig…ne?

Kalle faltet langsam, aber entschlossen, den Report mit der eindeutig falschen Berechnung zusammen: „Jein, nur für die Frequenzen im Nahfeld die wirklich koppeln. Das kannst Du ganz einfach ausrechnen: Linienlänge im Quadrat mal Frequenz geteilt durch 700! Pass auf: Wir haben hier 3,15m Arraylänge. Nehmen wir mal was im unteren Drittel und vergleichen das mit dem oberen Drittel. Sagen wir 500Hz vs. 5kHz. Dann ist der Übergang ins Fernfeld bei 500Hz = 7m und bei 5kHz = 70m. Und weil ich faul bin, wähle ich die Frequenzen mit einer Zehnerpotenz Differenz. Verstehst du? Ha, ha, ha. Dann muss ich nur einmal rechnen. Die 3,15m stimmen auch nicht ganz. Weil wir das Array gebogen haben, müssen wir im Grunde eine Schnur anlegen und schauen wie lang das Array dann ist. Leider gibt uns die Prediction Software dieses Maß nicht, und die Hersteller quälen uns lieber mit aufwändigen Fresnel vs. Fraunhofer Berechnungen um den Voodoo um den ganzen Kram aufrecht zu erhalten.“

Jupp grinst: „Krass, das heißt, bei 7m Abstand von der Bühne wird die Snare schneller leiser als die HiHat…ne?“

„Ja genau“, sagt Kalle. „Aber nur ein Teil der Snare, der Teppich z.B. nicht. Außerdem ist das ja eine Saxophon Kapelle.“

„Allerdings…“, kann Jupp sich nicht verkneifen.

Kalle fährt ungerührt fort: „Die genannten 7m Abstand von der Bühne aus gesehen stimmen auch nicht. Du musst erst mal mit Pythagoras die b-Seite ausrechnen, wobei die Hypotenuse 7m lang ist. Achtung, jetzt wird es richtig abgedreht! Die meisten nehmen dann den Pickpunkt der PA, im Grunde muss man aber das akustische Zentrum nehmen. Das wiederum liegt bei dem Curving leicht hinter der PA, wo aber gar keine Schallquelle ist, ha, ha. Deswegen verschiebe ich den nach vorne, wo er die Banane schneidet und nehme näherungsweise einfach die Mitte der Banane. Wir haben hier auch ein kleines Rechenproblem: 7m ist die Hypotenuse, und 7m ist der Pickpunkt. Das können wir so gar nicht gebrauchen, weil der Übergang ins Fernfeld natürlich irgendwo auf der Flugstrecke in der Luft liegt. Und die Seiten a und c können nicht gleich groß sein, da es kein gleichseitiges, sondern ein rechtwinkliges Dreieck ist. Wir können jetzt die Hälfte der Arraylänge abziehen, also auf 5,5m mit der a Seite gehen, dann landen wir bei knapp 3,5m Abstand, Du kannst aber auch einfach den Disto nehmen und schauen, wo Du auf 7m ab Mitte Array landest, aber genug jetzt! Das ist gar nicht so wichtig, denn die Folgen sind viel wichtiger. Zurück zum Saxophon, die spielen ja alle Alt und die haben einen Grundton Frequenzumfang von ca. 100Hz bis 500Hz. Äh, merkst Du was? Du kannst hier hundertmal von Line Array und ominösen Zylinderwellen reden, doch am Ende soll ich heute 3 Altsaxophone transportieren. Was eh schon keine gute Idee ist, aber das ist eine andere Geschichte.“

Jupp krazte sich am Kopf: „Kalle, was willst Du mir eigentlich damit sagen…ne? Können wir nicht langsam mal in die Pötte kommen und das Ding ins Dach ziehen…ne?“

Kalle blickte verdutzt: „Was ich damit sagen will? Egal was wir hier machen: Das Baby wird über die Strecke die Tonalität ändern, kapiert? Sprich vorne klingt das Saxophon noch fett wenn ich damit fertig bin, aber hinten überwiegen zwangsläufig die Obertöne. Jetzt erzähl das mal den Vertriebsfuzzis, die meinen natürlich 6 Module reichen auch, weil das alle so machen, und glauben dann, ich könnte am Pult irgendwie zaubern.

Kurzes einvernehmliches Schweigen. Der Moment, wo sich auch Nichtraucher aus Verlegenheit eine Kippe anzünden möchten, dann nimmt Kalle den Faden wieder auf: „Zurück zum Array! Wir waren noch beim Linken der Module. Ich schlage vor, wir sollten das Array in Zonen betrachten.“

„In Zonen?“, fragt Jupp. „Wieso das denn? Mir haben die beim letzten Training gesagt, man soll das Ding grundsätzlich als Ganzes betrachten…ne. Sonst zerstört man die Wellenfront….ne?“

Kalle winkt ab: „Ach was. Quatsch, alles Panikmacherei. Du musst immer in Phasenwinkeln denken 120°-240° ist der Bereich wo es sich destruktiv addiert. Alles andere ist positive Addition. OK, vielleicht ändern sich minimal die Richtungen der „Finger“ im vertikalen Beam, aber hey: Die sind eh da, und die Vorteile überwiegen. Pass auf…siehst Du gleich.“

Kalle faltet den Zettel mit den Winkeln wieder auf und dreht das Blatt um.

“Also, wie teilen wir die Schachten jetzt auf? Wenn wir das Array grob in 3 Zonen unterteilen und betrachten, wie sich die Entfernungen unterscheiden, kommen wir vielleicht zu einer zielführenden Idee. Die unterste Zone sprich Module sind unsere 0 – Entfernung und wir schauen wie weit die mittlere und obere sich im Verhältnis dazu unterscheiden. So grob sind das in der Regel 2:1 in der Mitte und 3:1 hinten. Was macht das ausgedrückt in Pegeldifferenz?“

„Du meinst das mit den Fingern als Eselsbrücke…ne? wie war das nochmal?“, fragt Jupp.

Kalle strahlt wie ein Christbaum: „Genau, schaue dir deine linke Hand an: Der Daumen ist links. Der Daumen steht für ein 1:1 Verhältnis, da schreibst Du jetzt 0dB drauf. Der Zeigefinger steht für Wurzel 2 also 1,41:1. Da schreibst Du 3dB drauf, den nehmen wir Näherungsweise für 1,5:1 Verhältnisse wie: 2 Subwoofer bekommen noch einen 3. Bruder. Der Mittelfinger steht für 2:1 oder 2 Finger 1 Daumen. Also „Fuck You“ kostet 6dB. Der Ringfinger steht für ein Verhältnis von 3 Fingern zu 1 Daumen das sind 9,5dB. Runden wir auf 10 auf, weil die meisten Ehen so ca. 10 Jahre halten. Ringfinger und Ehe! Hey, eine verschachtelte Eselsbrücke! Der kleine Finger ist was besonderes, der sieht aus wie eine Eins und steht für 10:1 das sind 20dB. Das Ganze gilt für Feldgrößen wie Schalldruck oder Spannung. Zum Beispiel Leistungsgrößen bekommst Du als Zugabe geschenkt, einfach die Hälfte abziehen. So jetzt frage ich dich Jupp: Wenn die Mitte 2:1 ist und Hinten 3:1 im Verhältnis zur 0 vorne, wie viele Module schießen dann wohl am besten wohin?“

„Ja im gleichen Verhältnis am besten …ne?“, vermutet Jupp.

Kalle nickt: „Genau, nehmen wir doch einfach 1,2 und 3 = 6 Module, wir haben 12 am Start dann können wir verdoppeln auf 2 für Short-Throw, 4 für Mid-Throw und 6 für Long-Throw. Hast Du jetzt verstanden wie ich die Amps plane? Ist mir herzlich egal, wenn ich für die Mitte einen mehr brauche und unten quasi ein Modul verschwende. Jetzt erklär das mal einem Verkäufer der steigt ja schon bei 3 Modulen pro Amp Kanal aus wenn BiAmped ins Spiel kommt.“

„Ist denn jetzt alles gleich laut von vorne bis hinten…ne?“, sagt Jupp.

Kalles grunzt enttäuscht: „NEIN! Es ist doch hinten immer noch dreimal soweit weg wie vorne! Und auch am Übergang vom Nahfeld ins Fernfeld hat sich nichts getan. Nehmen wir die eben berechneten Frequenzen nochmal zur Hilfe. Bei 500Hz sind wir bei 7m Sichtlinie zur Banane im Fernfeld und verlieren 6dB mit jeder Wegverdopplung, wären wir drinnen würde sich noch ein höherer Anteil Diffusschallpegel vom Raum hinzugesellen, da dieser Frequenzbereich ja eine Punktschallquelle darstellt. Wir sind aber draußen und haben nur den Boden. Bei 5kHz gehen wir erst bei 70m ins Fernfeld über soweit wollen wir heute gar nicht, d.h. wir verlieren nur 3dB mit jeder Wegverdopplung und haben in der Mitte -3 und hinten ca. -4,5. Wenn wir die Zonen einzeln, also Solo geschaltet, messen, stellt sich das anders dar. Da haben wir dann -6dB in der Mitte und -9dB hinten. So kannst Du auch überprüfen, ob die Rechnung mit dem Nahfeld/Fernfeld aufgeht. Wir können dann das Gesamtarray optimieren, indem wir ca. 6dB Pegelverlust von vorne nach hinten über den gesamten Frequenzbereich gemittelt anstreben. Ansonsten kippt die Tonalität auseinander. Denk an die Saxophone! Wenn ich jetzt mit EQs arbeite, wird der Unterschied vorne zu hinten in der Tonalität zu groß und es klingt hinten zu dünn weil der LowMid Bereich eine Kugelquelle ist und der höhere Frequenzbereich durch Kopplung eher eine Zylinderwelle im Nahfeld. Für den Frequenzbereich wo die Tieftöner als Kugelschallquelle koppeln mit der Arraylänge muss ich natürlich per EQ gegenarbeiten und zwar für die ganze Banane.

Es bleibt also nur, den Short-Throw und Mid-Throw Bereich etwas abzusenken, um vorne und Mitte fürs Nahfeld im HF anzugleichen, das wären dann also -3dB vorne und -1,5dB in der Mitte. Nochmal in Ruhe: relativer Pegelverlauf im HF vorher: 0, -3, -4,5, HF nachher: 0, -1,5, -3, das heißt 3dB Differenz von vorne nach hinten für alle Frequenzen im Nahfeld. Das sind heute bei 35m Spiellänge ca. 2,5kHz aufwärts, wo sich das so ausgeht Alles darunter befindet sich im Übergang, beziehungsweise im Fernfeld, und fällt ja mit 6dB pro Entfernungsverdopplung ab. Die Gegenrechnung dafür ist einfach, nämlich doppelt so hoch wie das gerade berechnete im HF Nahfeld: Also 0, -3, -6. Verstehst Du jetzt warum weniger als 6dB Pegelabfall über alles hier draußen nicht ohne Tonalitätsverlust funktioniert?“

Jupp stutzt: „Moment mal…ne, wir haben ja jetzt hier das 8’’ Array, das bei 12 Modulen 3,15m lang ist, und gerade berechnet, dass es auf 35m, die wir hier schießen wollen, bei 2,5kHz abwärts im Fernfeld abdriftet…ne?. Wenn ich jetzt die 12’’ Module nehme, wäre die 12er Banane 4,5m lang, ist dann bei gleicher Situation wie hier die Übergangsfrequenz ins Fernfeld tiefer? So bei 1250Hz…ne?

Kalle wirkt stolz: „Korrekt! Aber versuche das mal dem Verkäufer zu erklären, der meint, nur ein bisschen Sprache übertragen zu wollen. Und dabei glaubt er, großes Holz ist nur für Rock`n`Roll. Der wichtigste Bereich für Sprachverständlichkeit ist ja 800Hz-3kHz.“

Jupp juckt es langsam in den Fingern: „Ist denn jetzt alles schön homogen von vorne bis hinten …ne?“

Kalle hebt die Hand: „Leider nicht ganz. Mit Line Arrays kaufst Du ja ein vertikales Pattern. Und egal wie gut das Ding konstruiert ist, ergibt sich immer ein Frequenzbereich, der vertikal enger bündelt als andere. Die Franzosen haben das schon 1992 in ihrem ersten Handbuch beschrieben. Das kannst Du auf S.152 nachlesen. Wenn Du jetzt von vorne nach hinten durchläufst oder misst, wirst Du diesen Bereich identifizieren. So liegt es nahe, mit einem EQ dort gegen zuarbeiten. Das ist natürlich völlig kontraproduktiv, weil Du am „Beam“ nichts änderst. Wir habe es hier ja nicht mit einem Pegelproblem zu tun, sondern mit einem Zeitproblem. Also müssen wir auch den Zeitkleber benutzen. Ich zeig Dir später beim Einmessen wie ich das mit 3 Allpassfiltern repariere, indem ich einen parametrischen Phasen EQ baue. Übrigens, je länger das Array, desto tiefer findest Du diesen „Beaming Frequency“ Bereich. Den sollte man also nicht mit der LF Ankopplung durch Arraylänge verwechseln! Das sind zwei parallele Probleme, die interagieren und separat repariert werden müssen.“

Jupp lacht: „Du bist ja irre, dann können wir jetzt endlich das Gerät aufhängen und einmessen …ne?“

Kalle: „Klar, vergiss nicht die Links zu ändern, 2×3 ist oben, 2×2 ist Mitte und 2 sind unten!“

…Fortsetzung folgt!

Im nächsten Teil besprechen Kalle und Jupp das Subwoofer Setup.

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Ich danke meinem lieben Kollegen Tom Fuhrmann der mich inspirierte das ganze als Geschichte zu erzählen und meinen Text lektorierte. Ich weiß zwar nicht was das ist, aber es scheint so was änliches zu sein wie Mastering, denn jetzt ist es besser als vorher.

Tom schreibt eine mehrteilige Kurzgeschichte aus dem virtuellen Tourleben der Band „The Sparkles“ die in unregelmäßigen Abständen bei den geschätzten Kollegen der Kern+Orth+Kling Audioplanung GbR auf der Webseite im Blog veröffentlicht wird.

Zieht es Euch rein, Toms Schreibstil ist um einiges geübter als meiner!

Hier geht es lang:

https://audioplanung.de/blog

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